Haltestelle Geister – der S4-Theaterkurs Iordanidou inszeniert eine ewige Suche

Wer fragt noch nach dem Weg im Zeitalter der Navigationssysteme? Zum Glück gibt es Theaterautoren wie Helmut Krausser, dessen vielgespielte Trash-Oper „Haltestelle Geister“ die wichtige Frage nach dem Wohin eindringlich stellt. An einer Bushaltestelle im Nirgendwo, die niemals angefahren wird, wartet Gracia Gala, die Prinzessin vom Planeten Tallulah (Maria/Julia) auf ihr Raumschiff und wird vom Betreiber des nahe gelegenen Grillimbiss (Colin/Leo) angegraben. Im Verlauf der Handlung entwickelt sich die Haltestelle zu einem Sammelbecken für Marginalpersonen, die vom Rand der Gesellschaft nach ihren Wegen ins Zentrum suchen. Drei „Tussen“ (Olivia, Estelle, Lydia-Endurance und Antonela) suchen nach der wahren Liebe, ein alter Mann (Diego) jagt am Rollator vergeblich seinem blinden Bruder (Jan-Hendrik) nach, ein Großinquisitor (Tony) fahndet nach seiner Internet-Prinzessin, ein Paar (Daniel, Anna) liebt sich zu Tode und ein Tütenpenner (Nassario) hört die Stimmen der Toten, unfreiwillig zum Medium werdend. Sie alle werden vom Pillendreher Rico (Angela, Josias) mit künstlichen Träumen versorgt. So stolpern sie durch das Leben in den Tod und als Untote durch eine immer noch unverstandene Welt. Manche spüren „den Atem Gottes im Nacken“, andere meinen, man müsse Gott „ausprobieren“, er „passe halt oder eben nicht“. Der ältere Mann (Michael) bemerkt weise, das „Einfachste ist immer das Schwierigste“, aber es hilft nicht weiter. Am Ende tastet sich der Blinde über die minimalistische Bühne, „Hallo, Hallo, nicht schon wieder“ rufend, einsam.
Nach einem schwierigen Beginn hat das Ensemble am 20.5.22 einen gelungenen, zweistündigen Theaterabend in der fast ausverkauften Pausenhalle auf die Bühne gebracht und das Publikum begeistert. Es wurde mit Verve und Einsatz gespielt, Olivia überspielte gelungen das Fehlen der erkrankten Konstanze, Anna brillierte in gleich zwei Rollen. Die neu gegründete und von Jan erst kürzlich angelernte Technikgruppe bestand ihre Feuerprobe und einige stylish im Hintergrund wirkende Mitglieder des S2-Theaterkurses sorgten für das leibliche Wohl des Publikums in der Pause. Es sieht so aus, als sei das SAS-Theater nach der Pandemie in eine neue Ära gestartet.



Text und Fotos: Andreas Goletz-de Ruffray