Licht am Tunnelanfang

Der Brauer-Kurs inszeniert Andrew Carrs ‚Sofortige Erleuchtung’

Sankt-Ansgar-Schule Hamburg, 25.05.2019. War es Zufall oder Berechnung? Am Vorabend einer vielleicht historischen Wahl zum Europa-Parlament stellt Carrs Stück die Frage nach den Erfolgsbedingungen totalitärer Systeme. Zwar geht es in ‚Sofortige Erleuchtung inklusive Mehrwertsteuer‘ um den Verlauf eines Wochenendseminars einer sektenähnlichen Organisation, die den Teilnehmern den unmittelbaren Zugang zum persönlichen Glück verspricht, doch entsprechen die Manipulationen des Gurus Maksimilian Schreiber (beindruckend zynisch-kalt: Tristan Oliver) dem Vorgehen extremer, etwa rechtspopulistischer Parteien.

Zunächst werden den Teilnehmern mit „Nazi-Methoden“ („Sie sind 30 Arschlöcher!“) Würde und Individualität genommen mit dem Versprechen, dass der Destruktion der Persönlichkeit deren Wiederauferstehen in Schönheit und Freiheit folgen werde. Besorgt um den Verlust der hohen Seminargebühren ergeben sich alle, selbst der kritische Under-Cover-Journalist Malcom Garforth (intensiv und präzise: Tri An). Der Ergebung folgt die Vergebung nach kollektiver Beichte der Teilnehmer-„Alphas“, des Lebensversagens der „Arschlöcher“. Schließlich wird das Gehirn, der kritische Verstand, wegmeditiert („langsam wird es weich wie Pudding“): Der Erleuchtung folgt die Dunkelheit des finalen Tunnels. Am Ende sind alle nichts und lieben den Guru. Alle? Nein, zwar nicht Malcom, aber Melanie Eichmann (sic! glaubwürdig und mit dramatischem Abgang: Lena), die ihren Sohn an die Sekte verlor, entlarvt die Unmenschlichkeit jeden Totalitarismus.

War es ein echter „Brauer“? Klare Antwort: Jein! Ja, weil sich alle Schauspieler voll eingebracht haben, auch wenn sie sich diesmal – dem Zeitgeist folgend – erst in letzter Minute ganz in ihre Rollen gestürzt haben. Ja, weil das ausverkaufte Haus prächtig unterhalten wurde durch brilliante Inszenierungsideen wie Malcoms großartig dirigierte Schreibmaschinen-Sinfonie und Tanzeinlagen (Jacks urkomisches Hausmeister-Ballett), durch wabernde Nebel, witzige Zusatzrollen (ein engagierter Beritan als Journalist Frankie Köster und ein überraschend Schauspiel-begabter Schulleiter Wulf als dessen Chef bei der Zeitung) und penible Zuschauerbefragung („Was ist Glück für Sie?“), die an Handkes ‚Publikumsbeschimpfung‘ erinnerte. Nein: Das Stück bleibt in den Achtziger-Jahren hängen – z. B. durch die angestaubte Bildlichkeit (das Gehirn als Schallplattenlager). Nein, zum Zweiten: des Ausbilders Alec Trunkenblodts proletarische Hemdsärmeligkeit (wunderbarer Hamburger Brennpunkt-Slang von Laurenz) konterkariert die düstere Atmosphäre – so wollte sich die übliche Beklemmung beim Publikum nicht „zusammenbrauern“. 

So belebt der vorletzte Brauer – nein, das kann doch nicht sein!! – eine inspirierende Tradition und öffnet neue Räume für das SAS-Theater.

  • 27.05.19 Text:Go, Bilder: Go, Ka