Diebe“ im Ansgar-Ring
Der Theater-Kurs Brauer führt Dea Loher auf

Sankt-Ansgar-Schule Hamburg, 25./26.5.2018. Der Norden hatte dem Süden – passend zum Titel – den Sommer gestohlen und es war, wie immer, heiß in der vollbesetzten, zum Theater umgestalteten Pausenhalle. Es gab, wie immer, schauspielerischen Einsatz satt, Gefühle satt, Musik, Blitz und Donner und, wie immer, Nebel. Es ging, wie immer, um Existentielles, Modernes, Verirrt-sein, Findung, Verzweiflung und Hoffnung. Die Welt fand statt auf den Brettern, die die Welt bedeuten, es war wie immer – und doch anders.

Gerade diese Bühne verweigerte sich jeder Kategorisierung. Eine Mischung aus mittelalterlicher Simultan- und Shakespeare-Bühne, umfasste sie – fast ringartig – die Zuschauer, die wiederum um das Zentrum saßen, eine Art Altar, auf dem geopfert wurde: die Hoffnung, das eigene Leben, das Leben eines anderen. Nennen wir diese für das dritte Jahrtausend wegweisende Bühne den Ansgar-Ring.

Die Handlung, die so die Zuschauer umspielte und durchdrang – gleichzeitig banal und ergreifend, alltäglich und absurd, wie die Figuren: Die Karrierefrau, deren Ehe an ihrem Ehrgeiz und den Illusionen einer scheinheiligen Meritokratie zerbricht; der Altersheimbewohner, dessen Vorliebe für den  am Leben scheiternden Sohn die Tochter foltert; die Braut, die in eben jenem Hotelzimmer wohnen blieb, aus dem sie ihr Liebster während der Hochzeitsreise vor 43 Jahren verließ; der in das Leben verliebte Bestattungsunternehmer, der das ungeborene Kind rettet und selbst ermordet wird; der Gedächtnislose, der den Erinnerungen in seinem Pappkoffer vergeblich hinterherzuleben versucht; Ba und Bu, die an die Heilkraft des Lachens glauben und trotzdem nicht an den Humorlosen verzweifeln – Menschen wie du und ich, wie die im Ring, Freunde, Familie, Ehemalige und Jetzige, die in den Spiegel schauen und nicht immer verstehen, was zurückschaut.

Wieder einmal wird der Unterschied zwischen Tradition und Moderne deutlich: Früher erzählten Autoren Geschichten, die wie Antworten klangen, heute werfen sie uns Fragen hin, die wie Geschichten aussehen. Die zügige Inszenierung hilft, sich darauf einzulassen, wenn auch einige Längen in Lohers Stück zu überstehen sind. Das intensive Spiel entschädigt für so manche verbale Platitüde, an deren Seite aber auch Diamanten glänzen: „Ich wollte sie kennenlernen, aber ich wusste nicht, ob ich ihnen begegnen wollte“. Nicht einfach, Figuren zu spielen, die sich gleichzeitig darstellen und erzählen. Dennoch haben dies alle Schauspieler geschafft und man kann bloß stellvertretend für alle anderen auf die brilliante, an ihrer Reife fast erstickende Linda (Annika), auf die leidenschaftliche, vor ihrer eigenen Grausamkeit zurückschreckende jugendliche Schwangere (Antonia) und den unerschrocken am Ekel vor sich selbst würgenden Finn (Timm) hinweisen.

Wie immer war die Technik professionell, danke liebe Kittels, wie immer haben Helfer das Umfeld gesichert, danke Herr Brühl, Herr Kamphues, wie immer inszenierte Brauer mit jugendlichem Furor – ob er älter wird, ist nicht festzustellen, sein Ansgar-Theater bleibt ewig jung.

  • 30.05.18 – Text: Goletz-de Ruffray, Bilder: Kamphues